„Drachentöter” Wolf Biermann doziert vor Gästen der Robert-Havemann-Gesellschaft über seinen Freund Robert.
Fotos und Audiomitschnitt: © Ralf Gründer, 11.03.2010, Dauer: 1 h : 09 min : 16 sec.

Intro: Das war ein Abend nach dem Geschmack aller. Sie waren gekommen, die Freunde Havemanns, um dessen 100. Geburtstag zu feiern. Unter den Ehrengästen war auch Wolf Biermann, der, getreu seiner Devise:

Zitat: „Man geht nicht an den Schlägen zugrunde, die man erhalten, sondern an denen, die man nicht ausgeteilt hat“,

scharf um sich schlug.

Zuvor erklärte er noch:

Zitat: „Ohne Robert Havemann, ohne seinen Hochmut, ohne seine Selbstbegeisterung, ohne seine naturwissenschaftliche Ernte, wäre ich wahrscheinlich – ich weis nicht was wäre -, auf jeden Fall war dass das Hauptmotiv für unsere Freundschaft, als wir uns kennenlernten. Ich fing doch erst an. Ich wollte doch gar nicht der Drachentöter werden! Ich wollte nur ein paar Lieder singen und geliebt werden, bewundert werden. Bisschen Leute ärgern, natürlich! Aber nicht so, das ich gleich weggehauen werde. Bisschen frech! Bisschen feige! Wie so ein junger Mann eben ist!“

Na vielen Dank, da drückt der „Drachentöter“ wider Willen seine eigene Feigheit gleich den männlichen Mitgliedern der ganzen Nation auf! Oder meint er jetzt nur kommunistische Männer? Stimmt! Im Sozialismus lautete eine der vorherrschenden Phrasen: ALLE! Alle wählen die SED! Alle lieben Ulbricht! Alle kämpfen für das Volkseigentum! Alle treten ein für Völkerfreundschaft und Weltfrieden! Alle die, die außerhalb dieses Kreises standen, also nicht Ulbricht liebten, nicht die SED wählten, nicht für das Volkseigentum arbeiten wollten, weil es daran keine Besitzscheine gab, alle diese Menschen waren Feinde, Freiwild und wurden gedanklich aus dem Model des Sozialismus extrahiert.

Biermann klopfte dann erst einmal auf einen Fotografen ein, der seinem Geschmack nach zu viel fotografierte - und die Geburtstagsgäste klatschen! So lieben sie ihn, ihren Wolf, aufmüpfig und frech. Na klar, ich verstehe, soziale Kompetenzen waren in Ulbrichts, Honeckers und dann in Krenzens DDR nicht gefragt. 1% Stasi-Agenten terrorisieren 99% der Bevölkerung. Sie führten in die Gesellschaft ein:

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Bürokratenmief, Gewissensunterdrückung, Ideologische Verblödung, Landesarrest, Medienterror, SED-Führungsanspruch, Stasi-Methoden und die Scheindemokratie.

Aber, glücklicherweise hockte nicht nur der harmlose Knipser vor dem „Drachentöter“, sondern der Sohn Havemanns war auch unter den Gästen, vom „Drachentöter“ vertraut mit „Flori“ angesprochen. Diesem „Nestbeschmutzer“ musste gehörig eins verpasst werden. Dass der Sohn eine andere Wirklichkeit zu seinem Vater besitzen könnte, als der Duzfreund Biermann sich vorzustellen vermochte, kam dem väterlichen Freund, als den Biermann sich sieht, nicht in den Sinn. Hier herrscht nur eine Wahrheit und das ist die Biermannsche! So, wie die stalinistischen SED-Tyrannen zuvor das Meinungsmonopol in der DDR für sich reklamierten, so beansprucht der „Drachentöter“ dieses nun für sich selbst, getreu der Erkenntnis:

Zitat: Die Toleranz, die wir an diesen Leuten ja immer so vermisst haben, die fehlten ihm und mir ja auch!“

Der Sohn kennt seinen Vater sicherlich aus einer anderen Welt, der des Abhängigen und des Heranwachsenden. Er soll die Erblinie fortsetzen, aufrecht, hervorragend wissenschaftlich, politisch in die Fußstapfen des Vaters treten!! Und so, wie Robert Havemann mit seinem dogmatisch national-sozialistischen Vater brach, der ihn sogar für seine kommunistischen Umtriebe anschwärzen wollte, um dann mit ihm nach dem Zerfall der 1000jährigen national-sozialistischen Hitlerdiktatur in die Partei der Einheitssozialisten einzutreten, um eins zu werden mit den Tätern des national-sozialistischen Regimes, um mit ihnen gemeinsam die verbrecherische Ulbricht-Diktatur auf der Grundlage des stalinistischen Einheitssozialismus 17.000.000 Menschen zu oktroyieren, so rechnete der Sohn ebenfalls mit seinem Vater in der Biografie „Das uralt kluge Kind“ ab.

Zitat: „Der Vater war ein strammer Nazi, der in der Nazizeit, in den dreißiger Jahren, als Robert noch ein junger aufstrebender Wissenschaftler war, irgendwie mitgekriegt hat, über die Mutter wahrscheinlich, dass der Sohn Kontakt mit Kommunisten hat, mit Widerstandsleuten, und da hat er seinem Sohn gesagt, wenn Du damit nicht sofort aufhörst, zeige ich Dich bei der Gestapo an. Nun, insofern passt es ganz ideal, dass der Vater, der überlebt hat, nach dem Krieg sofort in die SED eintrat, vor seinem Sohn noch. Alles, wie im richtigen Leben.“

Wer also war Robert Havemann? Der Sohn des strammen Nazis Hans Havemann wandte sich den Kommunisten zu. Dafür wollte der Vater ihn bei der Gestapo melden. Ob es zu dieser Denunzierung kam, liegt im Dunkel der Vergangenheit. Unabhängig davon wurde Robert Havemann von den Nationalsozialisten verhaftet und saß zusammen mit Erich Honecker im Zuchthaus Brandenburg. Havemanns überlebten das 1000jährige Reich, der Vater den Krieg, der Sohn den Knast. Der Nationalsozialist entging der Entnazifizierung in der Zone durch den Eintritt in die SED. Der Sohn folgte erst später, um zusammen mit Wende-Nationalsozialisten und stalinistischen Kommunisten den Sozialismus dem Volke zu oktroyieren.

Während der Werdegang des rot lackierten Vaters nicht weiter thematisiert wurde, dozierte Biermann über die KGB- und Stasi-Machenschaften seines Freundes.

Zitat: „Und obwohl er eine Bonzenkarriere machte, nach dem Krieg und auch entsprechend aussah (…), der Prorektor der Humboldt-Universität, der schuldlose junge Christen ins Verderben stößt, nie vergessen! Der mit dem KGB zusammenarbeitet und mit der Staatssicherheit! Der davon gelebt hat, dass er hier in diesem Saal, wo wir gerade sitzen, du hast es ja gesagt, Abgeordneter war, aber dann musst Du bitte noch deutlicher werden und sagen, er hat die Hand hochgehoben, wie man normalerweise zwei Hände hochhebt, nicht gerade gut, kein Ruhmesblatt, aber doch ein Ruhmesblatt, weil er die Kraft gehabt hat, damit zu brechen.“

Wie wir aber wissen, reicht das nicht, um damit wieder auf der positiven Seite der Waage der Menschlichkeit zu stehen. Um mit Biermann zusprechen; Havemann hat sich gewendet, aber nicht gewandelt! Dann hätte sich Herr Prof. Dr. Havemann vielleicht an die Opfer aus seiner Zeit seiner stalinistischen Gläubigkeit und seiner Verbrechen an der Menschlichkeit erinnert und sich bei seinen Opfern entschuldigt.

Aber leider blieb der „Drachentöter“ Biermann die Auskunft schuldig, wie denn Havemann seine 17 Jahre währende Spitzeldienst kündigte. Fuhr er einfach mit dem Trabi oder mit der S-Bahn nach Karlshorst zur Sowjetischen Militäradministration (SMAD) und sagt dem sowjetischen Kommandanten „Schüss!“ und geht? Auf diese Erklärung warte ich noch! Und wie kündigte der Professor dem Staatssicherheitsdienst? Telefonierte er mit Mielke und meldete sich so mir nichts dir nichts als GI „Leitz“ ab? Opfer des KGB, die nur deshalb zu Opfern des Stalinismus wurden, weil sie sich dem Spitzeldienst verweigerten, zitieren vor allem immer:

Zitat: „Der größte Lump im ganzen Land, das ist, und bleibt der Denunziant!!!“

So war das eben zur Zeit des Stalinismus in der SBZ/DDR! Die Aufrechten wurden von der Straße weg entführt, geschlagen, gefoltert und widerrechtlich zu hohen Strafen von sowjetischen Terrorgerichten verurteilt, deportiert und dauergefoltert. Deshalb sitzen heute die Täter in den Parteien und bekleiden hohe und höchste Ämter, zudem werden Stiftungen nach Ihnen benannt und Gesellschaften ins Leben gerufen. Die Opfer werden erneut verhöhnt.

Zitat: „Jeder missversteht so gut er kann!“,

so wird auch er, der Drachen tötende Musikus selbst davon nicht frei sein!

Wenn doch biermannsche Selbsterkenntnis zu was führen und nicht nur als „antifaschistische Sichtblende“ das vor den Augen liegende vernebeln würde! Das ist dem „Drachentöter“ aber offensichtlich noch nicht weiter ins Gemüt eingedrungen, sonst würde er nicht selbstherrlich über den Deszendenten des Robert Havemann in aller Öffentlichkeit herfallen. Das hatte schon Züge dieser jämmerlichen SED-Tribunal-Abbitte-Veranstaltungen in Ungnade gefallener Kader, die vor ihren Alpha-SED-Bonzen erbärmlich zu Kreuze kriechen mussten.

Zitat: „Aber durch Robert habe ich gelernt, dass man sich wehren muss und das man nicht an den Schlägen kaputt geht, die man kriegt, sondern vor allem an den Schlägen, die man nicht austeilt! Das sagt sich jetzt so locker hin, und das stimmt ja auch, aber das wirklich zu leben, jeden Tag, ist nicht so einfach.“

Ja, da mag er recht haben. Ich stelle mir vor, wie der „Drachentöter“ mit seiner Klampfe auf dem Rücken seine Wohnung in der Ostberliner Chausseestraße 111 verlässt, und auf den fruchtbaren Boden seines Arbeiter-und-Bauernstaates tritt, um die vorgeschriebene SED-VEB-Arbeitsnorm an Bissen und Schlägen zustande zu bringen.
Herr „Drachentöter“, dabei muss doch mal gefragt werden, welche Drachen sie denn eigentlich getötet haben? Ulbricht? Nein! Honecker? Nein! Mielke? Nein! Hoffmann? Nein! Baumgarten? „Nein“. Ich vermute, sie haben die Milchverkäuferin in der HO nebenan mit einer „Drächin“ verwechselt und drauflos gezüngelt. Nun gut, das kann ja mal passieren! Aber ein „Drachentöter“ sollte doch auch andere „Opfer“ vorzuweisen haben!

Die Frage ist somit noch immer im Raum: Gewendet oder gewandelt? Eine Wandlung bezweifele ich und vermute stark, dass hier in der Tat der Bock zum Gärtner wurde. Hat Havemann seiner „stalinistischen Gläubigkeit“ tatsächlich abgeschworen? Hat der Denunziant aus Überzeugung sich bei seinen Opfern jemals entschuldigt? Wie kündigte er beim KGB (1946 - 1963) seine Spitzeltätigkeit? Hat er sich jemals bei seinen Opfern, die er als GI mit dem Decknamen „Leitz“ (Geheimer Informator) aus tiefster stalinistischer Überzeugung denunziert hat, entschuldigt? Nein! Wie sah seine Zusammenarbeit mit der Armeeaufklärung aus? Hat er sich bei denen entschuldigt, die er für eventuelle Fluchtabsichten denunzierte und damit deren Leben ruinierte? Die Folgen einer solchen Denunzierung hat der Schausteller und Softeisverkäufer Willy Hieronymus Schreiber in aller Deutlichkeit erlebt und in seinem Bericht „Im Visier – Chronik einer Flucht“ veröffentlicht.

Was bleibt ist ein zur Macht strebender korrumpierter Ex-KGB und Stasi-Spitzel, der nicht sein Leben lang die dritte Partitur im Schatten des „Spitzbartes“ spielen wollte. Als er seine Stimme aus der Bedeutungslosigkeit eines von der Weltöffentlichkeit isolierten DDR-Wissenschaftlers erhob, bekam er sofort die SED-Peitsche zu spüren, mit der er zuvor unzählige Studenten christlichen Glaubens über Jahre hinweg aus dem Studium gepeitscht hatte. Außerdem brauchte Ulbricht keinen eitlen Konkurrenten mit Publikationsplattform im Westen und schiebt den Konkurrenten mit folgender Begründung ins aus.

„Indem er öffentlich in Interviews mit westlichen Pressevertretern unsere Arbeiter- und Bauernmacht verleumdete und es nicht für unter seiner Würde hielt, sich der Publikationsorgane in Westdeutschland zu bedienen und damit die gegen die DDR gerichteten Pläne der Militaristen und Revanchisten zu unterstützen, hat er die mit seiner Berufung übernommene Verpflichtung und die gesetzlich festgelegten Pflichten eines Hochschullehrers der DDR gröblichst verletzt.“

Damit erfährt er das Schicksal seiner Denunzierungsopfer zumindest zu einem gewissen Anteil am eigenen Leib.

Zitat: „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu! Hat er sich gewandelt oder hat er sich gewendet? Hat er sich durchgelogen oder hat er den Mut gehabt, zu brechen. Und die meisten haben nicht die Kraft, auch nur einmal zu brechen. Und Havemann hat zweimal gebrochen! Damit ihr`s nur wisst. Er hat gebrochen mit der Nazi-Ideologie der Leute die ihn erzogen haben, und ist mitten in der Nazi-Zeit, wo die Kommunisten in großen Scharen zur NSDAP rüber liefen, zu den Kommunisten gegangen. Das ist doch rein sportlich gar nicht schlecht, oder wie?“

Spätestens seit der Veröffentlichung der Dokumentation von Arno Polzin „Der Wandel Robert Havemanns vom Inoffiziellen Mitarbeiter zum Dissidenten im Spiegel der MfS-Akten“ (BStU Berlin, BF informiert, Heft 26, 2005) wurde aus dem wohl bekanntesten Dissidenten der DDR ein gemeiner Denunziant und Spitzel.

 


Tipp1:

Polzin, Arno
Der Wandel Robert Havemanns vom inoffiziellen Mitarbeiter zum Dissidenten im Spiegel der MfS-Akten / Arno Polzin. [Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der Ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, Abteilung Bildung und Forschung]. - Berlin : Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der Ehem. Dt. Demokratischen Republik, Abt. Bildung und Forschung, 2005. - 59 S. ; 24 cm

Tipp 2:

Willy H. Schreiber
Im Visier - Chronik einer Flucht ( Buch | Zeitzeuge

Tipp 3:

Sänger und Souffleur : Biermann, Havemann und die DDR / Robert Allertz (Hrsg.). - Berlin : Ed. Ost, 2006. - 191 S.
ISBN 3-360-01075-2

Tipp 4:

Steigerwald, Robert
Der "wahre" oder "konterrevolutionäre" Sozialismus : was wollen Havemann, Dutschke, Biermann? / Robert Steigerwald. - Frankfurt am Main : Verlag Marxistische Blätter, 1977. - 145 S. ; 18 cm.
ISBN 3-88012-488-4

Tipp 5:

Die Ausbürgerung - Anfang vom Ende der DDR : Anfang vom Ende der DDR / hrsg. von Fritz Pleitgen. Wolf Biermann und andere Autoren. - 1.Aufl. - Berlin : Ullstein, 2001. - 373 S. ; 23 cm. - Angaben zum Inhalt: Wolf Biermann: Ballade vom Traum; Fritz Pleitgen: 25 Jahre Ausbürgerung Wolf Biermann; Wolf Biermann: Ausbürgerung; Bernd Jentzsch: 13. November 1976, Sonnabend; Manuel Soubeyrand: Ich war nie besonders gut in Sprachen; Gerulf Pannach: Aus einem Interview von 1992; Hans Joachim Schädlich: Auf freiem Fuß; Ralph Giordano: Ich sah und hörte, ich hörte und sah; Günter Wallraff: Als Biermann kam; Arno Lustiger: Mein Opa Biermann; Reiner Kunze: Wolf Biermann singt; Matthias Storck: Die Welt geriet mir aus dem Trott; Tanja Krienen: Die Zeit ist nicht passé! Rita Kuczynski: Der Einstieg in den Ausstieg; Barbara Honigmann: An einem späten Abend im November 1976; Katja Havemann: "Das können die sich nicht erlauben". Hans Christoph Buch: "Det is allet History". Susanne Schädlich: November; Manfred Krug: Angenehme Weiterfahrt; Katrine Cremer: "Ein Held war er nicht, aber wer braucht schon Helden"; Ekkehard Maaß: Vom Pfarrhaus in Schönburg zur Schönhauser Allee.. - Angaben zum Inhalt: Marianne Birthler: Biermann in Prenzlau; Helge Malchow: Kölner Konzert und Kölner DKP - Eine kleine Erinnerung; Utz Rachowski: "In abgelegener Provinz"; Bärbel Bohley: Lieber Wolf; Günter Kunert: Also morgen Vormittag um elf Uhr; Carmen Thomas: Mit Angst gegen die Angst; Karsten Krampitz: Drüben; Jürgen Fuchs: Zwo! Heribert Schwan: Ausbürgerung - Der Vorlauf - Der Anlaß - Die Konsequenz - Die Reaktion - Verstärkter Kampf; Bernhard Wurl: Die Einladung; Burga Kalinowski: Wolfsjagd; Andreas Öhler: Tiefbesorgte Freunde; Jochen Staadt: In der Obhut der Partei; Wolf Biermann: Ballade vom Preußischen Ikarus.
ISBN 3-89834-044-9 

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