Kapelle der Versöhnung, Bernauer Str. 4, 13355 Berlin.
Fotos & Audiorecording: © Ralf Gründer, 28.01.2010 - 15.00 - 15.30 Uhr

Die Versöhnungsgemeinde mit Pfarrer Manfred Fischer erinnert mit symbolischen Handlungen an die Sprengung ihrer Kirche vor 25 Jahren auf Befehl der DDR-Staatsmacht.


Die Handlung

Wie kann eine Gemeinde an einen barbarischen Akt, die Sprengung ihrer Kirche durch deutsche Kommunisten, erinnern, die zudem angetreten waren, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz zu schaffen?

Dieses neue deutsche Gesicht wollte aber mit ungetrübtem Blick den Streifen kontrollieren, den sie durch Gross-Berlin gezogen hatten und der im Westen als Todeszone bezeichnet wurde. Hier starben seit dem 13. August 1961 Kinder und Erwachsene im Kugelhagel bewaffneter sowjetzonaler Schergen, und noch heute behaupten ehemalige Kader des SED-Regimes (z. B. Egon Krenz), dass ihre Grenzpolizisten und -soldaten ohne Schießbefehl gemordet haben.

In dieser Zone des Todes stand die Versöhnungskirche, und obwohl es ihrem Namen immanent ist, wollte kein Sozialist dem anders Denkenden und dem anders Glaubenden die Versöhnung anbieten. ...

Die Deutschen im Westen waren in der Betrachtung der Arbeiter und Bauern östlich der Demarkationslinie alle gleich:

Ob BND-Mitarbeiter oder Hebamme, ob Geheimpolizist oder Kriegsveteran, ob Junglehrer oder Bundesgrenzschutzbeamter, ob ex-konservativer Katholik oder überzeugter Atheist, für die SED-Propagandisten waren sie alle: Kriegstreiber, Revanchisten, Ungeziefer!

Was macht ein deutscher Mann, ein deutscher Sozialist, ein deutscher antimilitaristischer Soldat mit Ungeziefer? Er zertritt es!!

So war die Sprengung der Versöhnungskirche am 22. und 28. Januar 1985 ein Fanal der Stärke der SED-Machthaber - und zusammen mit dem Turmkreuz stürzte Metatron aus dem blauen wolkenlosen Himmel in die Abyss, um auf dem Kirchhof der Elisabethgemeinde zu zerschellen.

25 Jahre später zeichnet die Gemeinde mit drei Lichtsäulen und mehreren Schwedenfeuern den damaligen Umriss ihrer Kirche nach.

Im Zentrum des Kirchturms lag das Kreuz und eine 116 Jahre alte Kirchbank - geborgen aus dem Partykeller eines damals bei der Sprengung beteiligten - wurde begleitet vom Läuten der Originalglocken in die Kapelle der Versöhnung getragen.

Am 28.01.2010 gab Pfarrer Manfred Fischer kurz nach 15.00 Uhr das Signal: »Achtung: Sprengung!« Das Signalhorn warnte: »Ein mal lang, drei mal kurz!!!«. Kurz darauf erfolgte ein ohrenbetäubender Knall. Schließlich ertönte das Signal: »Entwarnung. Drei mal lang!!!«

34 Jahre lang haben die Glocken und die Orgel geschwiegen, bis zu dem Tag, an dem das SED-Regime von den Arbeitern und Bauern des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden auf dem Müllhaufen der Geschichte geworfen wurde.

Im Anschluss daran sprach Pfarrer Manfred Fischer zu seiner Gemeinde und den Gästen.

Kirchen als Dorn im Auge der SED

In einem ersten Überblick kann davon ausgegangen werden, dass in Berlin folgende Kirchen abgetragen oder gesprengt worden:

1950 ⇒ St. Georgenkirche (Alexander Platz),
1961 ⇒ Petrikirche (Fischerinsel)
1964 ⇒ Luisenstadtkirche (),
1967 ⇒ Gnadenkirche (Grenzübergang Invalidenstraße),
1980 ⇒ Versöhnungskirche (Grenzübergang Bornholmer Straße),
1985 ⇒ Versöhnungskirche (Bernauer Straße),
1988 ⇒ St. Franziskuskirche (Finkenkruger Weg),

In der DDR mussten folgende Kirchen dem Staatsdruck weichen:

1958 ⇒ ...
1960 ⇒ St. Jacobikirche (Rostock),
1963 ⇒ Sophienkirche (Dresden),
1968 ⇒ Universitätskirche (Leipzig),
1968 ⇒ Garnisonskirche (Potsdam)

 


Tipp 1: SED und Kirche : eine Dokumentation ihrer Beziehungen / Frederic Hartweg (Hg.). -
2. 1968-1989 / bearb. von Horst Dohle. - Neukirchen-Vluyn : Neukirchener Verl., 1995. - XXVIII, 708 S.
ISBN 3-7887-1430-1

Tipp 2: Bock, Martin
SED-Herrschaft und Kirche in Strausberg : Dokumente des antireligiösen Alltagsgeschäft einer SED-Kreisleitung / Martin Bock. Hrsg.: Interessengemeinschaft Geschichte der Strausberger Arbeiterbewegung. - Strausberg : S.n., 1997. - 125 S.
(Strausberger Studien zur Geschichte ; 5)

Tipp 3: Grande, Dieter; Schäfer, Bernd
Kirche im Visier : SED, Staatssicherheit und Katholische Kirche in der DDR / Dieter Grande ; Bernd Schäfer. Unter Mitarb. von Manfred Ackermann ... - 2. Aufl. - Leipzig : St. Benno-Verl., 1998. - 276 S. : Ill. ; 22 cm.
ISBN 3-7462-1247-2

Tipp 4: SED und Kirche : eine Dokumentation ihrer Beziehungen / Frederic Hartweg (Hg.). - Neukirchen-Vluyn : Neukirchener Verl.
(Historisch-theologische Studien zum 19. und 20. Jahrhundert ; 2)

Tipp 5: Mau, Rudolf
Eingebunden in den Realsozialismus? : Die Evangelische Kirche als Problem der SED / Rudolf Mau. - Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht, 1994. - 259 S. ; 21 cm.
(Sammlung Vandenhoeck)
Literaturverz. S. 253 - 255.
ISBN 3-525-01616-6
 

Joomla templates by a4joomla