Wiener Brücke

Die Wiener Brücke, Eisenträger und Holzplanken, ist gesperrt, Stacheldraht am anderen Ufer. Auf der Brücke Vopos mit Karabiner und aufgepflanztem Bajonett. Drüben, auf der anderen Seite eine Braunkohlenhalde, leere Lagerplätze. Dahinter zwei riesige Backsteinbauten, auf den winzigen Eisenbalkons im fünften Stock Polizei oder Militär, mit bloßem Auge ist das schwer zu erkennen. Ein weißhaariger Mann neben mir hat ein Fernglas, der schaut auf diese Balkons. „Karabiner!″ ruft er. Und: „Die haben Bierflaschen vor sich stehen!″ Und: „Jetzt trinkt der eine! Der Rotzjunge!”

Wiener Brücke über den Landwehrkanal zwischen Kreuzberg und Treptow

Foto: Wiener Brücke über den Landwehrkanal zwischen Kreuzberg und Treptow, © Sigurd Hilkenbach, Aufnahmedatum 20.07.1963

Am Ufer des Kanals entlang, drüben Stacheldraht und Mauer.

Ein Jeep rollt vorbei, zwei Frauen winken den Soldaten zu, die grüßen zurück. Eine der Frauen, sie trägt einen flammendroten Rock und eine gelbe Bluse, das Haar hat sie unter einem schwarzen Kopftuch versteckt, sagt zur Begleiterin im breiten Ostpreußisch, “Waii! Der denkt sich jätzt: Diese alten Wäiiiber!” Dann spannt sich die Eisenbahnbrücke übers Wasser. Auf der Westseite steht ein Schupo, auf der Ostseite, rings um eine FDJ-Fahne blaue Uniformen der Trapo und grüne Grenzpolizei. Wieder Karabiner mit aufgepflanztem Bajonett.

Die nächste Straßenbrücke ist zugemauert. Sie verband früher die Schlesische Straße (Kreuzberg) mit dem Bezirk Treptow. Über die Mauer ragen zwei Litfaßsäulen. Auf der linken steht: „Mit dem Friedensvertrag zu Frieden und Einheit der Nation! Mit dem Sozialismus zum Glück des Volkes! Wählt die Kandidaten der nationalen Front!″ Auf der rechten Säule ein Kinoplakat. „Fall Gleiwitz″.(FN 1)  Auf dunkelgrünem Grund die schwarze Silhouette eines Mannes mit Maschinenpistole. Hier geht es nicht weiter.