Stimmung in West-Berlin:

Ohne dass sich jeder West-Berliner über diese Entwicklung im Einzelnen Rechenschaft ablegen kann, fühlt er instinktiv, dass der Westen in der Berliner-Frage nicht nur defensiv eingestellt ist, sondern sich weitgehend als ohnmächtig betrachtet.

Noch niemals seit dem Kriegsende hat es in Berlin wie jetzt eine zwar nicht offen zu Tage tretende, aber allüberall feststellbare Unruhe gegeben, die vom kleinen Mann bis zu hochgestellten Personen durch alle Familien geht und von Zweifeln erfüllt ist, ob die Westmächte wenigstens einen Luftkorridor unkontrolliert gewährleisten können. Mancher verantwortlich denkende Mann glaubt auch daran nicht mehr und baut in Berlin ab oder doch in der Bundesrepublik schon vor. Die Frage in einem Betrieb, wie viel den Umzug nach dem Westen mitmachen würden, ist gegen alle früheren Erfahrungen von einem großen Teil der Belegschaft bejaht worden.

Blatt 6 ausgefallen. - 7 -

Beurteilung der deutschen Politik:

Es kann danach nicht ausbleiben, dass auch der Weg der deutschen Politik einer kritischen Betrachtung unterzogen wird. Sie hat uns ihrem eigentlichen Ziel sachlich gewiss nicht näher gebracht. Das muss nicht an ihr liegen, sondern an den wider Erwarten stärker gewordenen Gegenkräften. Aber sie hat auch die Verbündeten nicht zu entschlossenerem Handeln in Berlin bringen können. Die Politik des Nichtverhandelns hat uns weder vor der Mauer bewahrt noch durch Zeitgewinn auch nur die frühere Position behaupten lassen. Diese ist seit November 1958 weiter abgebröckelt und noch mehr gefährdet. Es gibt keinen Status quo mehr. Er verändert sich fast ständig zur Minusseite.

Noch Anfang Juli habe ich dem Bundeskanzler gesagt, dass es falsch wäre, die Androhung eines separaten Friedensvertrages als unabänderlich über sich ergehen zu lassen, sondern dass es Ziel westlicher Politik bleibe, ihn zu verhindern.

Der Gedanke einer 50-Mächte-Friedenskonferenz mag wenig Aussicht auf materiellen Erfolg bieten; als taktisches Mittel hätte er die Möglichkeit geboten, den Osten psychologisch in die Defensive zu bringen und vielleicht nochmals Zeit zu gewinnen.

Auch nur die Ankündigung einer solchen Möglichkeit hätte den Flüchtlingsstrom vermutlich noch in Grenzen gehalten und die Vorverlegung von östlichen Entscheidungen vermieden. Überall hat jedoch das Datum vom 17. September für Ideen und Aktionen lähmend gewirkt und damit Ereignisse heraufbeschworen, die einer Teilverwirklichung des Separat-Vertrages gleichkommen. So konnte es geschehen, dass die Zone ausgerechnet in einem Augenblick größter innerer politischer und wirtschaftlicher Schwäche zur Verhinderung von Auflösungserscheinungen einen Gewaltakt vollzog, der für sie den bisher größten Triumph - auch für die Stellung im Ostblock - bedeutet und zu weiterer Aktivität ermuntert.

Die psychologische Intervention in West-Berlin hat begonnen: Ulbricht fordert die West-Berliner durch Rundfunk auf, die Abenteurer im Senat abzusetzen, und spricht von der Mausefalle West-Berlin; von Schnitzler erklärt im Fernsehen, die Bundesflagge habe die längste Zeit hier geweht und Minister Lemmer die längste Zeit sein Amt hier ausgeübt.