Schlussfolgerungen:

Aus dieser Darlegung ergeben sich für die Zukunft Verhaltensweisen, die in ihrer Richtung von der Grundhaltung des Westens abhängen. Ich möchte deswegen die Schlussfolgerungen danach einteilen, wie ich sie wünschte (A) und wie ich sie befürchte (B).

(A).

1) Die Freiheit des westlichen Berlin kann auf lange Sicht nur dadurch gewahrt werden, dass der Westen von jetzt an keinen Millimeter mehr an Rechtseinbusse oder Einschnürungsmaßnahme duldet, ohne sofort nichtmilitärische Druckmittel gegen die Sowjetunion und den Ostblock anzuwenden. Die Möglichkeiten wirtschaftlichen Gegendrucks sind bereits im Vorfeld der eigentlichen Entscheidung anzuwenden und nicht erst, wenn bereits auch an militärisches Eingreifen gedacht wird.

In der Hoffnung und Annahme, dass die Sowjetunion vor der Störung der Luftkorridore im Hinblick auf die ernste Warnung des Westens doch zurückschreckt, müssten auf Behinderungen der Zugangswege in der indirekten Form beispielsweise der Gebührenerhöhung oder der langsamen Abfertigung bereits die Reaktionen eintreten, die erst für noch ernstere Ereignisse erarbeitet werden.

2) Der Westen hat seine Abwehrplanung bisher streng geheim gehalten. Das hat zur Folge, dass die andere Seite entweder nicht an die Vorbereitung einer solchen Abwehr glaubt oder nicht von der Anwendung der Maßnahmen überzeugt ist. Ein entscheidendes Ziel der gegenwärtigen Diplomatie besteht darin, dem Chef im Kreml die Ernsthaftigkeit der westlichen Entschlossenheit nahezubringen. Das ist bisher misslungen, weil niemand glauben kann, dass es über Berlin zum Atom-Krieg kommt und es zum anderen zu wirklichen Reaktionen in dem Spielraum zwischen der Erhaltung des Status quo und der Kriegsdrohung nicht gekommen ist. Deshalb hat die Anwendung von wirtschaftlichen oder anderen nichtmilitärischen Gegenmaßnahmen im Vorfeld der Entscheidung über die Erhaltung der Lebensfähigkeit West-Berlins den Vorzug, dass der Osten an den konkreten Abwehrwillen des Westens zu glauben beginnt.

Das kann umso wirksamer geschehen, je offener solche Entschlossenheit vorher bekannt gemacht wird, wie es jetzt in der Frage der Luftkorridore geschehen ist. Aber auch für weniger entzündliche Punkte würde volle Klarheit besser als Geheimhaltung - die natürlich für die Einzelheiten des Vorgehens weiter gewahrt bleiben muss - die Gefahr der Fehleinschätzung westlichen Verhaltens verringern.

3) Die Aufforderung zu Verhandlungen kann nur den Charakter haben,

a) durch ein Gespräch den Sowjets zu verdeutlichen,
dass sie mit ihrem bisherigen Vorgehen fortgesetzter einseitiger Veränderung des Berlin-Status die äußerste Grenze erreicht haben und weitere Aktionen nicht mehr hingenommen werden,

b) aus der bisherigen Entwicklung den Entschluss abzuleiten, dass über West-Berlin nichts mehr zu verhandeln übrig geblieben ist und dass das westliche Besatzungsregime in der gegenwärtigen Form aufrecht erhalten wird, bis die Sowjet-Union sich zu einer Verhandlung über ganz Deutschland bereitfindet.

Der schon 1959 so gefährliche Gedanke an Interimsregelungen muss ausscheiden, weil jedes Interim nur als Schonfrist angesehen würde und den freiwilligen Abbau der wirtschaftlichen Positionen und vieler persönlicher Bindungen an Berlin zur Folge haben müsste.

4) Diese volle Entschlossenheit des Westens, sich nichts mehr abhandeln zu lassen und keine einseitigen Minderungen seiner und unserer Rechte und Freiheiten mehr hinzunehmen, verschärft zweifelsfrei die Gefahr eines Kriegsausbruches. Diese Gefahr ist jedoch für die Sowjetunion nicht geringer als für die anderen. Ihr Interesse an einem Konflikt bleibt auch für sie durch die Rücksicht auf den eigenen Fortbestand und die Erhaltung der gegenwärtigen Substanz begrenzt. Sie hat ihre bisherigen Erfolge nur dadurch erreichen können, dass der Westen auf jedes Vordringen der Sowjetunion mit dem Argument untätig geblieben ist, dass deswegen kein Atomkrieg geführt werden könne. So richtig das ist, so sicher führt diese Einstellung zum allmählichen Verlust Berlins und weiterer Positionen des Westens.

Umgekehrt kann nur der massive Widerstandswille des Westens auch gegen eine stückweise Verkürzung der Berlin-Position dem Kreml das Risiko seines Vorgehens klarmachen und ihn von der anscheinend vorhandenen Meinung abbringen, dass er in Berlin bereits gewonnen habe.

5) Diese in jeder Beziehung intransigente Haltung des Westens ist für absehbare Zeit der einzige Weg, entgegen der bisherigen Entwicklung das Thema der größten internationalen Nachkriegsspannung sich nicht endgültig auf West-Berlin und auf die Bildung eines dritten Staatsfragments einengen zu lassen, sondern zur Deutschland-Frage zurückzuschalten, die dadurch zwar noch nicht gelöst ist, aber doch nicht von der Tagesordnung gebracht werden kann, ohne dass neue Wege für Lösungsmöglichkeiten zur Erörterung gestellt werden.

Diese Hoffnung braucht nicht aufgegeben zu werden, weil auch die Sowjetunion kein Interesse am Atomkonflikt oder daran haben kann, um jeden Preis ein Satellitenregime künstlich am Leben zu erhalten, dessen innere Brüchigkeit ihr gewiss nicht verborgen geblieben ist. Allerdings bleibt die Frage im Augenblick noch unbeantwortet, welches internationale Interesse der Sowjetunion vorteilhafter erscheinen kann als das Interesse an der Erhaltung des kommunistischen Zonenregimes. Dies wiederum hängt nicht allein von den Deutschen ab, die auch selbst nicht den Schlüssel für die Beantwortung der entscheidenden Frage in der Hand haben, von welchem Punkt an die Amerikaner ihre eigene Existenz so gefährdet sehen, dass sie das Risiko des Konflikts eingehen. Das muss ihnen überlassen bleiben. Aber die Berliner und die Deutschen haben andererseits ein Recht darauf, in dem Vorfeld dieser Entscheidung - gewiss von keinem Bündnispartner gewollt, indes allmählich in kleinen Raten und am Ende unvermeidlich - nicht selbst geopfert zu werden.

(B) Niemand will den Atomkrieg.

Noch weniger will ihn jemand um Berlin ausbrechen lassen.

Die Aufforderung und Bereitschaft zu letzter Entschlossenheit soll schließlich, selbst wenn es zur Anwendung militärischer Mittel kommt, nicht zur atomaren Auseinandersetzung führen, sondern nur das Maß von Nervenstärke bewirken, das dem Gegner nicht nachsteht. Aber das ist ein sehr hohes Risiko.

So wichtig Berlin für den Westen auch ist, so wenig sicher ist doch, ob für Berlin ein gleich hohes Risiko wie für London, Paris oder New York eingegangen wird. Das mag von den verschiedenen Verbündeten auch verschieden beurteilt werden. Bei den Neutralen will niemand ein solches Risiko für Berlin laufen. (Nehru am 11.9.: „Es wäre phantastisch”) Sie wirken entsprechend auf die Verbündeten ein und fordern sie zur Kompromissbereitschaft auf. Ein Teil der NATO-Verbündeten will das Risiko trotz aller Grundsatzfestigkeit doch nur begrenzt eingehen. Ist der Westen zu einer so entschlossenen und aktiven Politik wie unter A nicht zu gewinnen, dann ist unvermeidlich, dass ihm jeder Kompromiss über Berlin mehr erwünscht erscheint, als die Krise auch nur in die Nähe eines militärischen Konfliktes zu bringen. Der Konflikt selbst würde Berlin schließlich nicht unversehrt lassen.

Dazu kommt, dass die Frage des Konfliktes voraussichtlich nicht im Zusammenhang mit einer östlichen Aggression gestellt wird, sondern auf jeder weiteren Stufe der Einschnürung West-Berlins stets nur einem relativ kleinen Schritt östlichen Vordringens begegnet, zum Beispiel:

dem Stempel auf dem Reisepapier, der Forderung auf Anmeldung der Flugzeuge bei den Zonenfunkstellen, dem Verlangen nach Aufnahme von Gesprächen mit dem Zonen-Außenministerium, wenn die zurzeit in der Zone sich aufhaltenden Italiener, Belgier, Schweizer sich wieder frei bewegen wollen, und dann stets verneint werden wird.

Danach stellt sich bald die Frage der Anerkennung, die schon jetzt von dem größten Teil der englischen Presse gefordert wird, um einen Konflikt zu verhüten und Berlin weiter das Leben fristen zu lassen.

11) Unter der Voraussetzung der Schaffung von rechtlichen Grundlagen dieser Art ließe sich dann auch darüber reden, ob nicht deutsche technische Kommissionen im Auftrage der Vier - wie es schon im Juni 1949 vorgesehen war - oder in Erfüllung eines stets nur zusätzlich oder ergänzend gedachten UN-Auftrages Fragen des Personen- und Warenverkehrs und andere technische Fragen zwischen West- und Ost-Berlin (vielleicht auch wie bei der Eisenbahn und im Handelsverkehr zwischen den beiden Teilen Deutschlands) erörtern.

12) Die früheren westlichen Vorschläge für die Tätigkeit von Vier-Mächte-Organen für Streitigkeiten oder eines UNO-Vertreters für die Beobachtung der Öffentlichkeitsarbeit sollten weiterverfolgt werden.